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SAP präsentiert Leonardo unvollendet

Die SAP will mit Leonardo eine Vielfalt von Diensten für das Internet-of-Things (IoT) anbieten und damit das Thema inhaltlich besetzen. Aber bildet SAP die richtige Wahl, um die IoT-Welt mit der transaktionalen Welt der klassischen SAP Anwendungen zu verbinden? Crisp Research analysiert das Leonardo-Angebot, gibt Handlungsempfehlungen und zeigt Alternativen auf.

by Dr. Stefan Ried, Principal Analyst & Practice Lead bei Crisp Research

EINE SIGNIFIKANTE Erweiterung ihres Internet-of-Things (IoT)-Portfolios hat die SAP unter dem Namen Leonardo angekündigt. Es umfasst:

  • SAP Leonardo IoT Bridge, ein konfigurierbares Dashboard für Operations-Manager, das IoT-Daten in Echtzeit und Kontext zu anderen Daten aus SAP Anwendungen darstellt.
  • SAP Global Track and Trace, ein cloud-basiertes Angebot für die Ende-zu-Ende Verfolgung von Dingen entlang von Supply- und Process-Chains.
  • SAP Leonardo IoT Edge, eine Software, die die Möglichkeit zur Berechnung und Speicherung von Daten sowie Business Semantic aus der Cloud in intelligente Geräte “on the Edge” bringt.
  • SAP Digital Manufacturing Insights, eine zentrale, cloud-basierte Lösung im Bereich Manufacturing Performance Management.
  • SAP Asset Manager, eine cloud-basierte mobile Anwendung zum Verwalten von Assets einschließlich Zustand, Inventory, Maintenance und Sicherheit.

Leonardo entpuppt sich als vage Ankündigung

Soweit das SAP Marketing. Crisp Research recherchiert tiefer. Dabei stellt sich das Leonardo-Announcement als eher vage Ankündigung heraus. SAP versucht damit einen Wert in allen Bereichen der IoT-Welt zu besetzen, bis hin zur Edge, wo (non-constraint) Gateways mit noch kleineren (constraint) Sensoren reden. Keine Frage, dass der Kontext zwischen Sensordaten und der transaktionalen Welt in der klassischen SAP Anwendung einen immensen Wert für viele Kunden darstellt, aber ist SAP die richtige Wahl, um die IoT-Welt mit der bisherigen SAP Domäne zu verbinden?

Wir schauen uns die Ankündigungen im Einzelnen an:

  • SAP Leonardo IoT Bridge – Eine gute Strategie. Wie Elvira Wallis, einer der besten Produktstrategen im Hause SAP, in ihrem Blog geschrieben hat, gibt es einen großen Bedarf für Echtzeit Visualisierung von IoT-Daten im Kontext der rechtlichen SAP Anwendungen und ihrer Daten. Auch wenn andere Firmen wie Google und AWS inzwischen ihre neuen Produkte über einen Blog ankündigen, ist das hier von SAP ein reiner Marketing Pitch. Keine Spezifikation, Architektur, GA-Date, Pricing – einfach ein vager Claim. Kaum verbindlich und eher eine Enttäuschung.
  • SAP Global Track and Trace – Supply Chain ist SAP Domaine. Hier ist SAP zuhause und es ist offensichtlich, dass Echtzeit-Informationen aus dem Feld genau das sind, was vielen Track ’n Trace Lösungen gefehlt hat. Mit dem In-Memory Hana-Backend ist SAP jetzt ja auch in der Lage mit einem großen Event-flow von RFIDs oder GPS-Trackern umzugehen. Ob Kunden aber Leonardo IoT Edge benutzen sollen, um diese Sensordaten zu aggregieren, steht auf einem ganz anderen Blatt.
  • SAP Leonardo IoT Edge – Dünnes Eis für SAP. SAP’s Stärke sind große Enterprise-Systeme und inzwischen zunehmend auch Cloud-Plattformen. Gleichzeitig hat SAP erkannt, dass nicht jeder kleine Sensor an einer Maschine, in einem Raum oder in einem Fahrzeug direkt mit der Cloud reden kann und sollte. Lokale Aggregation, Vorverarbeitung, oder Pufferung falls das Device Offline ist, benötigen einfach in vielen Fällen Edge-Gateways. Oft müssen diese Gateways zunächst einmal Feld-Protokolle wie Zigbee, KNX, Bluetooth, Modbus und viele industrielle Varianten in IP-Kommunikation zum Beispiel auf MQTT umsetzen. SAP schweigt sich dazu aus. Selbst wichtige Elemente, wie eine Digital-Twin-Strategie fehlen auf dem Marketing-Level. Nach der Cloud-Decade erwarten jetzt in der “IoT Decade” nicht nur Kunden, sondern auch Entwickler, die die POCs in vielen Digitalisierungsprojekten treiben, eine direkte Verfügbarkeit. AWS Greengrass oder Microsoft Azure IoT Hub sowie zahlreiche Open-Source Alternativen sind real – besonders für Entwickler, die eher kein Marketing verdauen möchten.
  • SAP Digital Manufacturing Insights – Gorilla Game um Industrie 4.0. Hier muss SAP seinen PLM-Marktanteil verteidigen. PTC mit seinem ganzen Portfolio um Thingworx oder GE mit Predix bieten schon lange den Baukasten, um das „ERP der Fertigung“ bei Kunden zu realisieren. Beide – PTC aus dem CAD und GE selbst als Hersteller und Betreiber von Industrieanlagen – haben einen Vorsprung. Sie sammeln schon seit Jahren Daten von Devices und verstehen IoT bis zum Edge. SAP muss das erst von seinen Kunden lernen.
  • SAP Asset Manager – Jetzt erst als Mobile App? SAP kennt die meisten Vermögenswerte in Unternehmen oder Gebäuden, da sie häufig über eine SAP-Transaktion beschafft wurden. Leider gehen oft die wichtigen Metadaten verloren. Also wo genau etwas zum Beispiel verbaut wurde. Hier ist eine Mobile App eher überfällig. Der Markt ist daher immer noch weit offen für intelligente Nischenanbieter, die bestimmte Use-Cases im Assetmanagement perfekt abbilden, wie die Firma Syfit, die als Spin Off eines Industrieunternehmens die Prozesse sehr gut versteht.

Ist SAP Leonardo Ready for Prime-Time?

SAP Leonardo ist ein Portfolio Ansatz aus vielen Ankündigungen, bestehenden Produkten, die in den IoT-Kontext gebracht wurden und letztlich ein paar neuen Produkten, die für IoT Devices- und den IoT-Business-Kontext entwickelt wurden oder werden.

Crisp Research empfiehlt SAP Anwendern:

  • SAP Leonardo IoT Bridge – auf Produktverfügbarkeit warten und APIs anschauen
  • SAP Global Track and Trace – unbedingt in der Fertigung und Logistik anschauen
  • SAP Leonardo IoT Edge – AWS & Azure und Opensource sind im Moment besser
  • SAP Digital Manufacturing Insights – anschauen, wenn Sie schon auf S4/Hana sind
  • SAP Asset Manager – erst Prozesse und Benefits, dann alle Anbieter anschauen

Auch wenn sich die meisten SAP Anwender schon denken können, wo SAP seinen Wert hat und wo nicht, versucht der Global Player mit der Ankündigung von Leonardo erst einmal alles abzudecken. Leider fehlt so viel Essenz, dass ein Chief Digital oder Chief Innovation Officer nicht auf die Verfügbarkeit von SAP’s IoT Produkten warten sollte, solange verlässliche und öffentliche Aussagen zur Verfügbarkeit, GA, Public Beta, First Customer Shipment und besonders dem Preis und den Lizenzbedingungen fehlen. Stefan Ried/hei

Der Autor: Dr. Stefan Ried war vor seinem Einstieg bei Crisp Research über zwei Jahre Chief Technology Officer und Leiter der Technologie-Strategie bei Unify, einem global agierenden Hersteller von Kommunikations- und Kollaborations-Lösungen und Teil der ATOS Gruppe. Davor war er sieben Jahre lang bei Forrester Research und zuletzt als Vice President und Principal Analyst für den weltweiten Research im Bereich Platform-as-a-Service und Cloud Business Modelle verantwortlich. Dr. Ried bringt außerdem Erfahrungen in die Analyst Community von seinen früheren Tätigkeiten bei internationalen Softwareherstellern wie der SAP oder der Software AG, aber auch globalen Anwendern, wie der Deutschen Post / DHL, mit. Seine Mitarbeit in zwei Startups machen ihn besonders sensibel für neue Geschäftsmodelle oder Ausgründungen. Stefan Ried hat am Max Planck Institut in Mainz in Physik promoviert.


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