RatgeberSoftware und Technologie

Künstliche Intelligenz braucht eine Governance

Künstliche Intelligenz steht hoch im Kurs. Um ethische Richtlinien für diese Technologie kümmert sich bislang aber erst die Hälfte der Interessenten. Cognizant hält einen solchen Rahmen für erfolgskritisch.

KI Governance

Das Interesse ist hoch: 84 Prozent der vom IT-Consultinghaus Cognizant befragten Unternehmensleiter sind der Meinung, dass Künstliche Intelligenz in drei Jahren für ihr Unternehmen von entscheidender Bedeutung sein wird. Lediglich 15 Prozent wissen allerdings, ob derartige Projekte in ihren Unternehmen vollständig umgesetzt werden. Schnell wachsende Unternehmen wollen mit Künstlicher Intelligenz ihre Führungsposition festigen, gleichzeitig hat die Hälfte bislang keine Richtlinien erstellt, um ethische Bedenken zu erkennen.

Die Studie Making AI Responsible – and Effective (zu deutsch: Künstliche Intelligenz verantwortungsvoll und effektiv gestalten) von Cognizant macht deutlich, dass Führungskräfte hohe Erwartungen an die Wirkungen dieser Technologie für ihr Unternehmen haben. Erst die Hälfte hat Richtlinien und Verfahren erarbeitet, um bei ihren Anwendungen und Implementierungen auf ethische Aspekte zu achten. Für die Studie hat Cognizant in Europa und den USA rund 1.000 Führungskräfte aus den Bereichen Finanzdienstleistungen, Technologie, Gesundheitswesen, Einzelhandel, Fertigung, Versicherungen sowie Medien und Unterhaltung befragt.

Während Führungskräfte von der Wichtigkeit und dem potenziellen Nutzen von Künstlicher Intelligenz für ihr Unternehmen begeistert sind, lassen viele den strategischen Fokus sowie die Berücksichtigung von nicht-technischen und dennoch kritischen Aspekten für den Erfolg der Projekte vermissen. Zu diesen Aspekten gehören laut Cognizant beispielsweise Vertrauen und Transparenz.

Branchenführende Unternehmen investieren vergleichsweise viel

Die Unternehmensleiter schätzen laut Studie die Bedeutung und den potenziellen Nutzen von Künstlicher Intelligenz positiv ein. Als wesentliche Vorteile nennen die Befragten niedrigere Kosten, höhere Erlöse und die Fähigkeit zur Einführung neuer Produkte oder Dienstleistungen sowie zur Diversifizierung. Vor allem Unternehmen, die sehr viel schneller wachsen als der Durchschnitt ihrer Branche, erwarten in den kommenden Jahren große Vorteile. 86 Prozent der Führungskräfte dieser Unternehmen gaben an, dass Künstliche Intelligenz für den Erfolg ihres Unternehmens extrem oder sehr wichtig sei, verglichen mit 57 Prozent bei Wettbewerbern mit geringerem Wachstum.

Diese Branchenführer wollen diese Technologie nutzen, um ihr Wachstum voranzutreiben, ihre Marktpositionen zu festigen und sich von den Verfolgern abzusetzen. Sie investieren mehr in die dazugehörigen Schlüsseltechnologien als andere, darunter in Maschinelles Sehen (64 Prozent versus 47 Prozent), Smart Robotics/Autonome Fahrzeuge (63 Prozent versus 43 Prozent) sowie die Analyse natürlicher Sprache (67 Prozent versus 42 Prozent).

Nahezu die Hälfte der Unternehmen (44 Prozent), die mindestens an einem Projekt in Sachen Künstlicher Intelligenz arbeiten, erwartet, dass ihre Mitarbeiterzahl in den nächsten drei Jahren aufgrund der Auswirkungen dieser Projekte ansteigen wird. Führungskräfte aus den Bereichen Einzelhandel und Finanzdienstleistung rechnen häufiger mit einem Beschäftigungsschub als andere (56 Prozent bzw. 49 Prozent).

Budget-Hürden und mangelnde Akzeptanz hemmen Projekte

Der Optimismus der Führungskräfte geht in vielen Unternehmen allerdings nicht mit der tatsächlichen Umsetzung einher. Während zwei Drittel der Führungskräfte angaben, von einem Projekt zum Thema Künstliche Intelligenz in ihrem Unternehmen Kenntnis zu haben, wussten lediglich 24 Prozent dieser Gruppe – also 15 Prozent aller Befragten – von Projekten, die vollständig umgesetzt wurden.

Etwa 40 Prozent der Befragten gaben an, dass es extrem oder sehr herausfordernd sei, die Aufmerksamkeit des höheren Managements zu gewinnen, das eigene Unternehmen zur Mitwirkung zu veranlassen oder auch nur ein angemessenes Budget zugeteilt zu bekommen. Laut Cognizant deutet dies darauf hin, dass viele Unternehmen die zentrale Rolle dieser Technologie für die Erreichung von betriebswirtschaftlichen Zielen noch nicht vollständig anerkannt haben.

Ethische Erwägungen stehen vielerorts hinten an

Lediglich die Hälfte der Unternehmen verfügt bei Künstlicher Intelligenz über Richtlinien und Verfahren. Das betrifft sowohl das anfängliche Design der Anwendungen als auch deren Verhalten nach der Einführung der Systeme. „Die Herausforderung besteht heute weniger darin, technische Fragen und technologische Möglichkeiten zu verstehen, sondern vielmehr darin, eine Strategie zu entwickeln, welche die Governance-Strukturen und -Praktiken für einen verantwortungsbewussten Einsatz von Künstlicher Intelligenz festlegt“, erläutert Sanjiv Gossain, European Head of Cognizant Digital Business. „Unternehmen müssen mehr Aufmerksamkeit auf die nicht-technischen Aspekte richten, von denen viele kritischer und komplexer sind als diejenigen, die mit der Entwicklung und dem Betrieb der Technologie selbst zusammenhängen.

Künstliche Intelligenz könne dabei helfen Geschäftsziele zu erreichen, aber womöglich auch Kunden irritieren, Mitarbeiter entfremden, die Kosten für Forschung und Entwicklung in die Höhe treiben sowie die Markenreputation untergraben. Gossain empfiehlt Unternehmen drei Schritte, wie sie in diesem Thema aktiv werden, um die erheblichen wirtschaftlichen Vorteile zu realisieren:

1. Strategien

Strategien für Künstliche Intelligenz sollten messbare Geschäftschancen in den Mittelpunkt stellen. Dabei sollte es nicht nur um Kostenreduzierung und höhere Umsätze gehen, sondern auch um verbesserten Kundenservice, Zugang zu neuen Geschäftsfeldern und verbesserte Mitarbeitererlebnisse. Besonders wichtig sei, dass die Strategien den Menschen und nicht die Technologie in den Mittelpunkt stellt.

2. Governance-Strukturen entwickeln

Unternehmen sollten proaktiv sicherstellen, dass Entscheidungen im Hinblick auf Künstliche Intelligenz transparent getroffen werden, dass Fehler vermieden werden und sich in den Daten keine Voreingenommenheit einschleicht, die das Vertrauen unterminiert. Sie sollten andererseits auch die Personalisierungsmöglichkeiten der Technologie nutzen, damit eine maßgeschneiderte, relevante und kontextbezogene Unterstützung bei der Interaktion mit Menschen entsteht.

3. Verantwortungsbewusste Anwendungen schaffen und pflegen

Wegen der potenziellen Allgegenwart und Macht von Künstlicher Intelligenz sollten Unternehmen bei allem, was sie mit der Technologie anstellen, ethischen Bedenken Rechnung tragen. „Systeme auf Basis künstlicher Intelligenz müssen nach ethischen Gesichtspunkten aufgebaut und überwacht werden, um sicherzustellen, dass sie auch im Zeitverlauf ethisch einwandfrei funktionieren, auch wenn die Anwendungen autonom lernen und sich weiterentwickeln“, fordert Gossain. „Da Künstliche Intelligenz künftig immer mehr Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft beeinflussen wird, sollten Unternehmen ihre ethischen Bemühungen bereits im Vorfeld verstärken.“ Jürgen Frisch

Next article Innovationsstandort Europa zwischen Tech-Begeisterung und Silo-Denken
Previous article Praxistipps zur Digitalisierung
Scroll Up