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IT-Entscheider setzen auf Standard-Software

Im Vergleich zu eigenentwickelter Software gilt betriebswirtschaftliche Standard-Software als günstig in der Anschaffung und Projekte als weniger risikoreich. Dafür kommt sie meist nicht ohne Anpassungen an die speziellen Anforderungen eines Unternehmens aus. Trotz vorhandener Argumente für beide Ansätze geht der Trend laut der  Trovarit-Studie ERP in der Praxis eindeutig in Richtung Standard-Software. Das Betriebsmodell Public Cloud für Standard-Business-Software spielt dabei hierzulande noch keine große Rolle.

4,5 MILLIARDEN Euro hat die Bundesagentur für Arbeit (BA) für die Weiterentwicklung und den Betrieb einer der größten IT-Landschaften Deutschlands allein zwischen 2011 und 2016 aufgewendet. Aber nicht alle Projekte verliefen erfolgreich. In das Projekt ROBASO (Rollenbasierte Oberflächen) investierte die BA seit dem Start 2010 ganze 60 Millionen Euro. Anfang des Jahres stellte die BA das Projekt ein. Im praktischen Einsatz im Kundengeschäft habe sich gezeigt, dass die Software zu wenig flexibel war, um der Komplexität der Kundenanliegen gerecht zu werden. Die Defizite hätten nicht zeitnah und wirtschaftlich behoben werden können.

Software-Auswahl beeinflusst den Projekterfolg

Dr. Karsten Sontow, Vorstand bei der Trovarit AG.

Auch bei Projekten mit Standard-Software für die Unternehmenssteuerung läuft nicht immer alles rund, wie die Trovarit-Studie ERP in der Praxis aufdeckt. Die entscheidenden Fehler begehen IT-Veranwortliche hier aber in der Regel vor dem Projektstart bei der Software-Auswahl: „Die Leistungsspezifikation muss sehr konkret erfolgen“, rät Dr. Karsten Sontow, Vorstand der Trovarit AG, und betont: „Was der Anbieter zusagt, muss schwarz-auf-weiß festgehalten werden.“ Die Aufgabe der Auswahl von Standard-Software bestehe daher nicht nur darin, eine geeignete Lösung zu finden, sondern sicherzustellen, dass der Anbieter die zugesagten Leistungen dann auch liefert.

Rainer Sontow, Research Director bei Trovarit.

Ist das gewährleistet, sprechen gute Gründe für den Einsatz einer Standard-Lösung: IT-Verantwortliche müssen kein Entwicklungs-know-how vorhalten. Sie haben kein internes Entwicklungsprojekt, das sie steuern müssen, und die Initialkosten fallen niedriger aus als bei Eigenentwicklungen. „Software-Entwicklung zählt nicht zu der Kernkompetenz in den meisten Unternehmen“, erläutert Rainer Sontow, Research Director bei Trovarit. Die Ressourcen dafür aufzubauen und auf dem aktuellen Technologiestand vorzuhalten, koste aber enorm viel Geld.

Eigenentwicklungen seien aber nicht nur kostenintensiv, sondern auch hochgradig riskant, wie das Beispiel der Bundesagentur für Arbeit zeigt. Denn Eigenentwicklungen würden in der Regel nur einmal entwickelt. IT-Verantwortliche könnten daher aus einem Entwicklungsprojekt – ob erfolgreich oder nicht – nicht unbedingt viel für das nächste Entwicklungsprojekt lernen. So stehe beispielsweise bei Software zur Unternehmenssteuerung (ERP) das nächste Projekt einer Neuentwicklung meist erst wieder nach über fünfzehn Jahren an. „Entwicklungswerkzeuge, Technologien und Unternehmensanforderungen haben sich in dieser Zeit stark verändert“, resümiert Rainer Sontow. Die Ergebnisse der Trovarit-Studie ERP in der Praxis überraschen daher nicht: IT-Entscheider investierten im Zeitraum von 2010 bis heute stark in Standard-Software . Das gilt laut Rainer Sontow aber sowohl für integrierte ERP-Suiten als auch für Spezial-Software, beispielsweise für das Customer Relationship Management (CRM).

Generalisten versus Spezialisten

©Trovarit

IT-Verantwortliche sollten aber sorgfältig prüfen, ob sie sich für eine integrierte ERP-Suite entscheiden, die verschiedene IT-Disziplinen wie Finanzbuchhaltung, Kundenbeziehungsmanagement und Warenwirtschaft oder Produktionsplanung abdeckt. Oder ob ihre Geschäftsabläufe nicht funktionale Anforderungen verlangt, die in einer solchen ERP-Suite nicht oder nur teilweise abgedeckt sind. Dann müssen sie nach dieser bei Spezialisten, so genannten Best-of-Breed-Anbietern, suchen. „Es gibt – noch – keine klare Tendenz, welcher Ansatz sich durchsetzen wird“, berichtet Research-Director Rainer Sontow. Die Studie von Trovarit weise aber darauf hin, dass die Entscheidung für eine integrierte Suite oder eine Speziallösung sowohl von der Größe des Unternehmens aber auch von dessen Branchenfokus abhängt.

Spezialisten reagieren flexibler auf Gesetzesänderungen

©Trovarit

Bei Software für die Finanzbuchhaltung oder die Personalwirtschaft zeigt sich ein Trend, dass IT-Entscheider in diesen Disziplinen in Spezial-Software investieren. Das liege daran, dass der Aufwand diese aktuell zu halten, sehr groß ist. Das hängt laut Sontow mit den vielen und häufigen gesetzlichen Änderungen in diesem Bereich zusammen. Denn diese müssen Unternehmen immer wieder zum Stichtag an die neuen Gesetze anpassen.

Betrachtet man, wie sich IT-Verantwortliche innerhalb einer Branche entscheiden, lassen sich ebenfalls Unterschiede feststellen. Industrieunternehmen nutzen für ihre Finanzbuchhaltung meist eine Software von einem auf diesen Bereich spezialisierten Anbieter, also Best-of-breed.

Dagegen nutzen Handelsunternehmen aber auch Dienstleister vergleichsweise häufiger Finanzbuchhaltungs-Funktionalität einer integrierten ERP-Suite. Hier kommen laut Rainer Sontow zwei Effekte gleichzeitig zum Tragen. Die Finanzbuchhaltung liegt sowohl im Handel als auch bei Dienstleistern näher am Kerngeschäft als bei Produktionsbetrieben. Dort bildet die Fertigung die Kernkompetenz. Handelsunternehmen und vor allem Dienstleister seien aber meist auch deutlich kleiner als Industrieunternehmen. „Das wirkt sich auf die Software-Entscheidung aus“, so Rainer Sontow. Für das Kundenbeziehungsmanagement (CRM) lasse sich laut der Studie ERP in der Praxis feststellen, dass kleinere Unternehmen CRM-Funktionalität eher aus einer integrierten Sofware-Suite nutzen, während größere sich öfter auch mal für eine Best-of-Breed-Lösungen entscheiden.

Cloud spielt noch keine „entscheidende“ Rolle

Das Betriebsmodell Cloud spielt dagegen vor allem bei Industrieunternehmen für die Software-Auswahl noch keine entscheidende Rolle. Die Auswertungen in der Trovarit-Studie zeigen das deutlich auf: „Die Nutzung der ERP-Software aus der Public Cloud lässt sich in dieser Branche praktisch nicht nachweisen“, betont Rainer Sontow. Bei der Frage nach dem Bezahlmodell ergab die Studienauswertung, dass 89,9 Prozent der Befragten ihre Software-Lizenz kaufen und 4,4 Prozent diese leasen. Laut dem Trovarit-Experten sieht das Ergebnis bei CRM-Software aus der Cloud vermutlich anders aus, hat für diese These aber noch keine aktuellen validen Daten. „Die haben wir Ende dieses Jahres, wenn die Ergebnisse der neuen Trovarit-Studie CRM-In der Praxis vorliegen.“ hei


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