ERP

Exklusiv-Interview: SAP baut Branchen-Funktionalität im S/4-Core aus

Die SAP stattet ihr Kernprodukt S/4 HANA nach und nach mit mehr Funktionalität im Core aus. Der SAP-Produktverantwortliche für die Enterprise-Resource-Planning (ERP)-Software, Sven Denecken, sagt im Interview, wie sich das künftige Lösungsangebot rund um SAP S/4 HANA gestaltet und welche Rolle die SAP Cloud Plattform als Betriebsmodell dabei spielt.

DIE ERP-Suite SAP S/4HANA bildet den digitalen Kern des SAP-Lösungsportfolio. Seit kurzem bietet die SAP ihr Kernprodukt S/4 HANA auch aus der Public-Cloud (Video 1:35) an. Wie lange wird die SAP noch ihre Flaggschiff-Lösung wie ein Produkt, also zum Kauf und zur Installation in unternehmenseigenen Rechenzentren anbieten?
Der Zeitraum lässt sich Stand heute nicht definieren. Aber ich gebe Ihnen ein paar Statistiken, die aus unserer Sicht den Trend aufzeigen. Zum Beispiel hat sich die weltweite Nachfrage für Lösungen aus der Cloud in einem sehr klassischen Anwendungsbereich, dem Finanzwesen, in den letzten drei Quartalen verdreifacht. Das ist ein klarer Hinweis darauf, dass viele Unternehmen, und da gehen Dienstleistungs-Unternehmen vorneweg, ihre bestehendes Finance-System durch eine Cloud-Lösung ersetzen werden. Eine weitere Statistik zeigt auf, dass bis zum Jahr 2020 rund 60 Prozent der Großunternehmen bis zu 40 Prozent ihres Workloads aus der Public-Cloud suchen werden. Das heißt, wir sind sehr überzeugt davon, dass auch große Unternehmen nach und nach den Betrieb ihrer Anwendungen zur Unternehmenssteuerung aus der Public-Cloud in Betracht ziehen und durchführen.

Die SAP bietet mit SAP Business ByDesign eine ERP-Suite für den Mittelstand aus der Cloud an. Welche Rolle spielt die Produktlinie künftig in der Strategie der SAP?
Wir haben eine klare Marktsegmentierung. Unternehmen mit weniger als 1500 Mitarbeitern bilden den Kernmarkt für das Cloud-Produkt SAP Business ByDesign. Der Zielmarkt für SAP S/4 HANA Cloud liegt bei Unternehmen mit mehr als 1500 Mitarbeitern.

Gerade in Deutschland stehen viele IT- und Unternehmensverantwortliche vor allem der Public Cloud noch skeptisch gegenüber. Sie führen dafür Sicherheitsbedenken an aber auch Kostenargumente. Mittelfristig betrachtet sei die Cloud Lösung nicht günstiger als ein Lizenzkauf.
Nach unserer Einschätzung hat sich die Akzeptanz eines ERP-Systems aus der Cloud massiv vergrößert. Damit verbunden ist allerdings die Erwartungshaltung der Verantwortlichen in Anwenderunternehmen, wie ein ERP aus der Cloud auszusehen hat. Wenn sich unter der Plattform-Haube verschiedenste zusammengestückelte Systeme finden, ist das nicht das, was IT-Verantwortliche sich vorstellen. Da sehen wir uns in einer guten Position. Und das macht auch den Unterschied der SAP zu einem Cloud-1.0-Anbieter.

Gehen Sie davon aus, dass Unternehmen irgendwann alle ihre Software-Anwendungen aus der Public-Cloud betreiben werden?
Nein, es wird wohl oft eine Hybrid-Lösung sein. Hybrid kann bedeuten, dass Teile eines Unternehmens SAP S/4 noch On-Premise im eigenen Datencenter betreiben oder per hosting betreiben lassen. Das wird sehr oft in der Unternehmenszentrale der Fall sein. Die Niederlassungen des Unternehmens arbeiten dagegen in Zukunft primär mit Software aus der Public Cloud. Diesen Trend sehen wir sehr wohl.


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Wirken sich die unterschiedlichen Betriebsmodelle nicht auf die Performance des Systems im Anwenderunternehmen aus?
Wir haben von SAP S/4 zurück bis zur SAP Business Suite sichergestellt, dass die Software-Anwendungen durch die semantische Integrität der Daten viel besser miteinander kommunizieren können, als Systeme, die nicht über diese Datenintegrität verfügen. Ob ein Unternehmen seine Software-Anwendungen On-Premise oder aus der Public-Cloud von SAP bezieht oder beispielsweise in der Private-Cloud bei einem SAP-Partner betreibt, wirkt sich daher nicht auf das Gesamtsystem aus. Das ist ein sehr großer Vorteil.

Arbeiten Anwender in den unterschiedlichen Betriebsmodellen auch mit verschiedenen Benutzeroberflächen?
Nein, die Benutzeroberfläche, SAP Fiori, hängt nicht vom Betriebsmodell ab. Die SAP gewann für das Userinterface drei Red Dot Design Award. Diese Auszeichnung erhielt die SAP aber nicht nur, weil die Benutzeroberfläche gut aussieht und mobil einsatzfähig ist, sondern weil wir, wie gesagt, in Echtzeit die Daten aus verschiedenen Quellen sehr viel schneller zusammenbringen und alle wichtigen Daten zur Entscheidungsfindung auf den Punkt bringen.

Die SAP kooperiert bereits mit den Cloud-Infrastrukturanbietern Amazon Web Services (AWS) und Microsofts Azure. Warum hat die SAP jetzt auch noch mit Google eine Kooperationsvereinbarung geschlossen?
Die SAP versteht sich als ein offenes Unternehmen, das mit den Anbietern kooperiert, die im Markt sind. Und auch unsere Kunden nutzen die Angebote verschiedener Cloud-Anbieter. Google ist für uns deshalb besonders interessant, weil wir Google zu einem als einen der Key-Player für Infrastruktur-Lösungen aus der Cloud sehen. Zum anderen entwickelt Google viele Konzepte im Bereich künstlicher Intelligenz, beispielsweise Machine Learning. Das macht eine Kooperation mit Google für die SAP und am Ende für unsere Kunden sehr interessant.

Auf den Technologien-Tagen der SAP-Anwendervereinigung DSAG hat die SAP im Pressegespräch, 25 eigene Branchenlösungen angekündigt, die auf der SAP Cloud Plattform basieren. Wie ist da der Entwicklungsstand?
Zunächst einmal müssen wir unterscheiden zwischen SAP S/4 HANA generell sowie der Lösung, die die Kunden heute selbst betreiben, also der On-Premise-Variante, und der Public-Cloud-Variante. In Bezug auf SAP S/4 HANA generell gibt es keine Branche, die wir heute damit noch nicht abdecken. Aber wir haben auch ganz klar gesagt, wir wollen nicht alle Funktionalitäten, die wir in den letzten 40 Jahren industriespezifisch entwickelt haben, auch nach SAP S/4 HANA überführen – vor allen nicht in der Cloud.

Warum nicht?
Weil man heute nicht mehr jeden Geschäftsablauf so abbilden würde, wie man das in den vergangenen 40 Jahren getan hat.

Für welchen Branchen wird die SAP zuerst Branchenfunktionalität in S/4 ergänzen?
Da unterscheiden wir zwischen On-Premise- und Cloud-Betrieb. Bei On-Premise bestimmt der Kunde seine Innovations-Zyklen selbst. In der Cloud sehen wir die Adaption von industriespezifischen Lösungen nach Regionen und Branchen unterschiedlich. Ein Beispiel dafür bilden sehr klar und stark regulierte Branchen wie das Gesundheitswesen. Gerade in Deutschland bestehen dort auch heute noch ganz klare Einschränkungen, die den Betrieb einer Software-Anwendung in einer Multitenant-Cloud noch nicht erlauben. Also werden wir sicher auch nicht als erstes in eine solche Branchen-Lösung investieren. Aber beispielsweise in der Dienstleistungsbranche oder in Regionen wie den USA, Anglo-Amerikanischen Staaten, Autralien oder Süd-Afrika liegt die Bereitschaft, Software-Anwendungen aus der Public-Cloud zu beziehen viel höher. Wir werden uns also ganz genau ansehen, welche Märkte und Branchen bereit für SaaS aus der Public-Cloud sind.

Welche könnten das sein?
Professional Services, also Projektgeschäft, zum Beispiel. Dabei denke ich jetzt nicht nur an das klassische Segment wie ein Beratungsunternehmen, sondern das kann auch eine Dienstleistungs-Abteilung innerhalb eines Unternehmens sein. Die Digitale Transformation von Produkten, ergänzt um Dienstleistung, ebnet den Weg zu einer erhöhten Service-Orientierung eines Unternehmens für dessen Kunden. Denken Sie also an einen klassischen Produkthersteller, der künftig auch einen Service-Betrieb benötigt. Die Service-Funktionalität bezieht das Unternehmen dabei aus der Public-Cloud, während das zentrale Produktgeschäft noch On-Premise erfolgt. Für dieses Szenario bietet die SAP bereits seit vergangenem Jahr eine Edition aus der Public-Cloud an.

Was bedeutet das für Kunden der SAP Business Suite beziehungsweise darauf basierenden Add-ons der SAP-Partner?
Es gab in früheren Jahren bestimmte Anwendungs-Entwicklungen, die außerhalb des Cores aufgrund von Geschwindigkeit notwendig waren, zum Beispiel im Retail oder in der Öl-und Gas-Industrie. Viele dieser Entwicklungen möchten wir in unser S/4-Core reintegrieren. Der zweite Punkt unserer Strategie für S/4 sieht vor, die Erweiterung von vertikalen Lösungen oder industriespezifischen Funktionalitäten auf der SAP Cloud Plattform zu erlauben. Das heißt Kunden und SAP-Partner können auf S/4 basierende Erweiterungen bauen, die beispielsweise sehr industriespezifisch sind. Das könnte ein Sub-Vertical ein, das wir selbst nicht anbieten.

Besteht da viel Spielraum für SAP-Partner?
Ja. Stand heute steht im Core von S/4 zwar bereits sehr viel Funktionalität zur Verfügung. Aber die spezifischen ganz speziellen Funktionalitäten, die vielleicht auch nur für eine bestimmte Region oder eine begrenzte Anzahl von Unternehmen entwickelt werden, über die sich ein SAP-Partner aber differenzieren kann, die sehen wir in Zukunft eher auf der SAP-Cloud-Plattform. Wir erlauben deshalb neben Erweiterungen im Core zunehmend die Erweiterung von S/4 auf der SAP Cloud Plattform. Das ist ein wichtiger Teil unserer Strategie vom ersten Tag an.


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Für neue SAP-Partner stellt das sicher eine interessante Geschäftsmöglichkeit dar. Langjährige SAP-Partner, die auf Basis der SAP-Business-Suite ihre Branchenlösungen entwickelt haben, könnten dagegen ganz oder teilweise überflüssig werden, wenn die SAP genau diese Branchenfunktionalität in das S/4-Core integriert. Gewachsene Beziehungen zu den Kunden der SAP-Partner würden da gefährdet, oder?
Die Frage ist, was der Kunde braucht. Die Akzeptanz der Kunden, für die von ihnen benötigten Funktionalitäten sehr viele zusätzliche Add-ons einzusetzen, geht zurück. IT-Verantwortliche verlangen einen modernen, integrierten Kern. Der Trend wird uns also von unseren Kunden vorgegeben. Dem müssen wir Rechnung tragen. Das heißt aber nicht, dass wir das gesamte Geschäft unser Partner selbst im Core abdecken wollen. Partner haben auch früher schon auf SAP-Funktionalitäten aufgesetzt, die nicht Bestandteil des Cores waren. Die jetzige Möglichkeit, Micro-Services auf der SAP Cloud Plattform zu entwickeln, erlaubt SAP-Partnern zudem, Add-ons für eine sehr spezifische Zielgruppe schnell zu bauen, weil sie nicht auf unterschiedliche Release-Stände aufsetzen müssen.

Das Zusammenspiel des SAP S/4-Core mit den Micro-Services von SAP-Partnern und den Lösungen von Drittanbietern, die über die SAP-Cloud Plattform integriert werden, wirft auch rechtliche Fragen auf. Beispielweise verurteilte ein Gericht in Großbritannien kürzlich ein SAP-Anwenderunternehmen zur Nachzahlung von Lizenzgebühren, weil es Daten aus SAP-Systemen in der Software eines Drittanbieters, in diesem Fall Salesforce, genutzt hat. Wie will die SAP in dieser Hinsicht Rechtssicherheit für ihre Kunden herstellen?
Ich bin kein Rechtsexperte und kann den angesprochen Fall auch nicht kommentieren. Aber ich werde es technisch erklären. Wir bieten in der Cloud einen Software-Dienst an und kein Produkt. Die Erwartungshaltung des Kunden dabei ist, dass er einen Service nutzt, der funktioniert. Und deswegen zertifizieren wir von Partnern auf der SAP Cloud Plattform entwickelte Micro-Services genauso wie wir das bei Add-ons für die Installation beim Kunden, also On-Premises, getan haben. Für die Zertifizierung der auf der SAP Cloud Plattform entwickelten Micros-Services haben wir den SAP API Business Hub aufgebaut. Dort ist genau festgelegt und beschrieben, wie Dritte mit SAP-Lösungen in der Cloud kommunizieren können.

Das erinnert mich an App-Exchange, also den Business App Store von Salesforce. Kopiert die SAP dieses Modell?
Salesforce hat sicherlich dem Markt bewiesen, dass der Bedarf der Anwenderunternehmen, selbst etwas an ihrem IT-System zu entwickeln, nicht verschwindet. Auch für die Cloud braucht man deshalb dafür eine Lösung. Die SAP Cloud Plattform adressiert allerdings die gesamten Prozesse in einem Unternehmen und nicht nur einen Teilbereich. Aber grundsätzlich gesehen, geht es darum sowohl die SAP-Entwicklungspartner als auch die IT-Abteilung des Kunden, dazu in die Lage zu versetzen, die Anforderungen abzubilden, die eine standardisierte Software, wie sie die Cloud bedingt, nicht lösen kann oder will. Deswegen ist die Offenheit der Plattform und deren Schnittstellen (APIs) so wichtig. Ein Anwenderunternehmen kann so einen benötigten Software-Dienst auch selbst entwickeln und muss nicht warten, bis die SAP selbst oder ein Partner diesen bereitstellt.

Zum Abschluss ein Blick in die Zukunft. Wie wird sich nach ihrer Einschätzung der Anbietermarkt für ERP-Systeme in den nächsten drei Jahren entwickeln?
Infrastruktur-Lösungen werden Commodity, also ein Allerweltsprodukt, sein, das ein paar große Hersteller anbieten. Plattform-Betreiber wird es einige wenige geben, und wir sind sehr überzeugt, dass die SAP Cloud Plattform im Unternehmensumfeld dort eine gewichtige Rolle spielen wird. Zudem wird sich der Herstellermarkt für ERP-Lösungen weiter konsolidieren– bei traditionellen und bei Software-as-a-Service (SaaS)-Herstellern. hei


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