ERP

ERP der Zukunft für die Produktion der Zukunft

Wenn ein ERP-System Unternehmen bei deren Entwicklung wirksam begleiten soll, muss es sich transformieren, denn es sind neue Anforderungen auf neue Art und Weise zu erfüllen. Wie also muss es aussehen, das ERP der Zukunft?

Durch den Einzug der Digitalisierung und die damit verbundene Datenverfügbarkeit im Produktions- und Logistikumfeld sind teilweise völlig neue Formen und Ansätze der Produktionsplanung und -steuerung (PPS) sowie des Supply-Chain-Managements (SCM) realisierbar, auf deren Basis eine nie dagewesene Transparenz und Prognosefähigkeit der Wertschöpfungssysteme realisiert werden kann. ERP – die zentrale Plattform für die Anwendungslandschaft – muss sich transformieren, wenn sie ein Unternehmen bei dieser Entwicklung wirksam begleiten soll, denn es gilt neue Anforderungen auf neue Art und Weise zu erfüllen.

Produktionsumfeld im Wandel

Das Produktionsumfeld wird sich innerhalb der nächsten 15 Jahre gravierend wandeln: Globalisierung, Urbanisierung, der demografische Wandel und die Verknappung der wesentlichen Ressourcen, wie z. B. Rohstoffe, Energieträger bzw. Fachkräfte gelten als die größten Treiber dieses Wandels.

Aus Sicht des Produktionsmanagements ist als weiterer Trend die Individualisierung von Leistungen von größter Bedeutung. Der Trend der Individualisierung basiert auf neuen Freiheiten und Optionen, die wiederum durch den allgemeinen Zuwachs des Wohlstands, insbesondere in den Industrienationen bedingt werden: Ob private Lebensführung, Konsum oder die Nutzung von Medien – solche Entscheidungen werden immer weniger von gesellschaftlichen Zwängen oder Vorgaben beeinflusst und immer stärker individuell und eigenständig getroffen. Dies führt in der Folge zu einem deutlichen Anstieg der Nachfrage individueller Produkte, Leistungen und Geschäftsmodelle, die künftig insbesondere das Produktionsmanagement vor Herausforderungen stellen werden.

Die Digitalisierung ist schließlich Treiber und Enabler dieser Trends, gleichzeitig aber auch selber ein Trend, der radikal verändert, wie Unternehmen organisiert sind, mit ihren Kunden und Partnern interagieren und wie sie ihr Geschäft betreiben.


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ERP als digitaler Zwilling

ERP-Lösungen spielen von jeher eine sehr zentrale Rolle in der betrieblichen Software-Landschaft. Sie werden nahezu flächendeckend von fast allen Unternehmen eingesetzt und integrieren dabei ein breites Spektrum betrieblicher Aufgabenfelder.

Angesichts des Wandels, den Unternehmen derzeit durchlaufen, ändern sich auch Einsatz und die Aufgabenbereiche von ERP-Lösungen. Das betrifft nicht so sehr die Rolle des ERP-Systems als informationstechnisches Rückgrat des Unternehmens. Vor dem Hintergrund der zunehmenden vertikalen und horizontalen Vernetzung sind eine zentrale Instanz und ein zentraler Taktgeber sogar wichtiger denn je, um sämtliche Prozesse und Anwendungen zu steuern und sie in den betriebswirtschaftlichen Kontext des Unternehmens zu integrieren, denn wirklich „smart“ kann die Fabrik nur sein, wenn Dienstleistungen, Waren- und Wertefluss miteinander in Verbindung stehen.

Das zentrale Momentum der digitalen Transformation entsteht durch Vernetzung in Verbindung mit Smart Data. Vernetzung entlang der Wertschöpfungskette ist das ureigene Anliegen einer ERP-Software. Ein weiteres Thema ist die Automatisierung von Geschäftsprozessen sowie die Unterstützung von Entscheidungsprozessen. Auch in diesem Punkt hat sich ERP-Software schon immer als Treiber verstanden.


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Insofern kann es heutzutage eigentlich keine Digitalisierungsstrategie geben, in der ein ERP-System nicht eine gewichtige – wenn nicht gar zentrale – Rolle spielt. Aus eben dieser strategischen Perspektive heraus muss auch die vorhandene ERP-Infrastruktur hinterfragt und ggf. modernisiert werden.

Insgesamt werden ERP-Systeme im Zuge der digitalen Transformation noch stärker als bisher die Geschäftslogik eines Unternehmens nach innen wie nach außen darstellen und damit nicht nur als Integrations-Hub und Taktgeber für alle betrieblichen Aufgabenbereiche und Software-Anwendungen fungieren, sondern auch als digitaler Zwilling des Unternehmens in den zukünftigen Wertschöpfungsnetzwerken.

Plug & Produce aus der Cloud

Ganze ERP-Systemlandschaften als Anwendungen in der Cloud, frei skalierbar und hoch agil – derzeit sicher noch Zukunftsmusik, aber ein unübersehbarer Trend. Die Vision des „Plug & Produce“, bei der es durch universelle Schnittstellen möglich sein wird, speziell auf einen bestimmten Anwendungsfall hin programmierte Applikationen (Anwendungen oder Apps) beliebig miteinander zu kombinieren, scheint sich zumindest mittelfristig realisieren zu lassen. Zugleich erlauben die Speichermöglichkeiten der Cloud die Verarbeitung riesiger Datenmengen (Big Data), welche mittels hoch performanter Analyseverfahren kombiniert, aggregiert und ausgewertet werden können (Smart Data). Aufgrund der Vielzahl datengenerierender Objekte (Smart Objects) wird es so möglich sein, (Produktions-) Systemzustände in Echtzeit zu erzeugen und zu überwachen.

Höchste Genauigkeit bei Prognosen und Forecasts

Für ERP-Systeme ergeben sich zusätzliche Möglichkeiten im Bereich der Prognose und des Forecasts. So können durch den Aufbau der Fähigkeit der Produktionsprognostik diverse Prognosen im Umfeld der Produktionsplanung und -steuerung von bisher unbekannter Genauigkeit erstellt und die Umsetzung von Produktionsplänen in Echtzeit überwacht werden. ERP-Systeme werden dann in der Lage sein, bereits frühzeitig mögliche Planabweichungen zu antizipieren, selbstständig zu korrigieren oder dem Anwender eine Warnmeldung inklusive Handlungsalternativen zu generieren. Erweitert werden die Prognosemöglichkeiten durch die Integration von Verfahren der Datenassimilation in betrieblichen Anwendungssystemen. Dies verschafft dem Produktionsplaner einen erweiterten Handlungsspielraum, in dem er aus gemessenen Vergangenheitswerten auch Rückschlüsse auf aktuelle Zustände nicht direkt messbarer, jedoch durch messbare Felder beeinflusste Bereiche ziehen kann. Derart entstehende Prognosemodelle beinhalten, analog zu Wettermodellen, ebenfalls die Eintrittswahrscheinlichkeit der Prognose. Auf Basis dieser Erkenntnisse kann der Planer nun Entscheidungen treffen, während das Planungssystem im Zeitverlauf das Eintreten der Prognose überwacht. Droht eine Abweichung zur Prognose, kann das Planungssystem selbstständig Korrekturen durchführen oder dem Planer einen Hinweis anzeigen.

Diesem Trend der mitlaufenden Prognostik etwa werden Planungssysteme Rechnung tragen müssen und anhand von Prozessbausteinen flexibel die Abbildung sich ändernder Produktionssituationen ermöglichen. Voraussetzung hierfür ist, dass neben beschriebenen Prognosedaten auch Informationen aus dem Produktentstehungsprozess (PEP) noch effizienter mit den Planungssystemen verknüpft werden. So müssen bereits aus den Engineering-Stücklisten Produktionsprozesse inklusive Arbeitspläne, Ressourcenauswahl (z.B. Produktionsmaschinen, Roboter etc.) und Fertigungsstücklisten automatisch abgeleitet und in Systemen abgebildet werden können.

ERP meist noch ohne KI

Die Nutzung von KI im Kontext von Business Anwendungen ist zu einem der wichtigsten Themen der digitalen Transformation geworden: KI-gestützte Datenanalytik, Prognosesysteme, Suchmaschinen, maschinelle Übersetzungen, Bots und wissensbasierte Expertensysteme – es gibt viele sinnvolle Einsatzmöglichkeiten und Umsetzungen mit künstlicher Intelligenz. Die Zahl der Anwendungsfälle im ERP-Umfeld und das Angebot der ERP-Anbieter im Bereich KI ist allerdings bisher noch überschaubar. Trotzdem kann man davon ausgehen, dass die Einbindung und Nutzung von künstlicher Intelligenz ein weiterer Faktor ist, der die ERP-Landschaft in naher Zukunft deutlich verändern wird.

Anforderungen an den funktionalen Scope

Im Hinblick auf den notwendigen funktionalen Scope einer ERP-Lösung sollte Durchgängigkeit entlang der Wertschöpfungskette vom Kunden zum Kunden gegeben sein.

Wie tief dabei einzelne Fachbereiche (z.B. Warehouse Management, Fertigungssteuerung etc.) integriert sein sollten, hängt recht stark vom Einsatzfall ab (u.a. Branche und Größe des Unternehmens, vorhandene Software-Landschaft). Insofern verbieten sich hier pauschale Aussagen.

Relativ klar ist, dass “Querschnittsfunktionen“ wie Collaboration, Workflow-, Dokumenten- und Data Management sowie Business Intelligence durch ERP-Lösungen abgedeckt werden müssen, wenn sie auch zukünftig ihrer Rolle gerecht werden sollen. Allerdings gibt es hier verschiedene Wege, diese Anforderungen zu erfüllen – über die ERP-Software selbst, über die OEM-Integration einer Dritt-Lösung oder auch über die Offenheit gegenüber unterschiedlichen Lösungen führender Drittanbieter.

Flexible Software-Architekturen lassen die Grenzen der unterschiedlichen Planungsebenen und -systeme wie etwa ERP, MES und PLM weiter verschwimmen.


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Flexible Software-Architekturen für agile Planungssysteme

Im Hinblick auf die unterschiedlichen Planungsebenen und -systeme wie etwa ERP, MES und PLM kann man davon ausgehen, dass mit einer zunehmenden Modularisierung von Systemen die Grenzen weiter verschwimmen werden. Ähnlich wie bei dem oben beschriebenen Plug & Produce aus der Cloud, geht auch hier die Entwicklung in Richtung einer modulweisen Integration der am besten geeigneten Lösung in vorhandene Bausteine. Um dies zu ermöglichen müssen allerdings die Architekturen der Systeme flexibler werden. Auch hier gibt es eine Vision, die, wenn auch vielleicht nicht in greifbarer Nähe, so doch nicht völlig abwegig ist: In Zukunft werden technologische Architekturen (Plattformen, Netzwerke etc.), Informationsarchitekturen (Geschäftsobjekte, Daten), Anwendungsarchitekturen (IT, Services, Applikation, Schnittstellen) so flexibel sein, dass praktisch eine universelle Verbindung mit der Geschäftsarchitektur möglich wird (Geschäftsprozesse). Der entsprechende konzeptionelle und organisatorische Rahmen ist bereits heute mit dem Enterprise-Architecture-Management (EAM) verfügbar, welcher ein gemeinsames Vorgehen von Geschäfts- und IT-Management ermöglicht.

Der Wandel, den ERP-Software und der Einsatz der ERP-Systeme derzeit durchlaufen, ist also lange noch nicht abgeschlossen und hat eher den Charakter einer konsequenten Weiterentwicklung als den einer „disruptiven“ Veränderung: Stärkere Vernetzung bzw. Integrationsfähigkeit, mehr Flexibilität und Adaptivität, mehr Mobilität, mehr Echtzeitfähigkeit, bessere Verarbeitung von immer größeren Datenmengen aus wechselnden Quellen und Bereitstellung aller erforderlichen Informationen für die Unternehmenssteuerung. Ein wichtiger Aspekt ist in diesem Zusammenhang z.B. die Interaktion zwischen User und ERP-System bzw. zwischen Maschinen, Produkten, Anlagen etc. und dem ERP-System, also Bedienung, Dateneingabe, Steuerung, Abruf von Status und Analysen etc.

Gleichzeitig ändert sich auch, wie das ERP-System mit den Usern kommuniziert und sie bei der Arbeit unterstützt, z.B. auf korrekte Dateneingabe achtet etc. Gemessen an dem, was man lange Zeit von Business Software gewohnt war, mutet das zwar vielleicht revolutionär an, stellt aber eigentlich eher die Beseitigung von (Unterlassungs-)Sünden der Vergangenheit mit Hilfe neuer Technologien dar.

Der Wandel, den ERP-Software und ihr Einsatz derzeit durchlaufen, hat eher den Charakter einer konsequenten Weiterentwicklung als den einer „disruptiven“ Veränderung.

Aufstellung der ERP-Anbieter für das digitale Zeitalter

Die meisten ERP-Anbieter dürften demnach einige herausfordernde Meilensteine auf ihrer Entwicklungs-Roadmap stehen haben. Um ihre Kunden über den gesamten Prozess der digitalen Transformation begleiten zu können und ihnen für die Umsetzung von Industrie 4.0 die passenden Werkzeuge bereitstellen zu können, müssen sie ihre ERP-Software hochflexibel halten und vor allem schnell um Apps oder Services erweitern. Eine Aufgabe, die insbesondere Anbieter mit einer großen und heterogenen Installationsbasis über kurz oder lang durchaus an die Grenzen ihrer Kapazitäten bringen kann.

Damit sind auch die ERP-Anbieter gefordert, sich zu wandeln, ihre angestammten Geschäftsmodelle zu überprüfen und ihre Prozesse zu optimieren. Die digitale Transformation der Software-Branche manifestiert sich derzeit immer häufiger im Aufbau bzw. der Nutzung bestehender digitaler Plattformen. Die Plattformökonomie bietet ERP-Anbietern verschiedene Ansatzpunkte, um ihr eigenes Produktportfolio zu erweitern, Kunden zu gewinnen und zu binden und stabile Netzwerke mit anderen Software- oder App-Anbietern aufzubauen.

Vom ERP-Projekt zur digitalen Transformation

ERP-Anwender, die über eine Modernisierung ihrer ERP-Infrastruktur nachdenken, sehen sich also nicht nur mit der Herausforderung konfrontiert, die für ihre aktuellen Anforderungen passende Technologie und Software-Architektur, auszuwählen, sie müssen sich mehr denn je auch mit dem Wandel des Produktionsumfeldes und den Entwicklungen auf dem ERP-Markt auseinandersetzen. Umso wichtiger ist es, diese Modernisierung nicht isoliert als ERP-Projekt zu betrachten. Wenn das Ziel lautet, das eigene Unternehmen fit für die Produktion der Zukunft zu machen, muss der gesamte Weg zu diesem Ziel abgesteckt werden.


Über den Autor

karsten sontowDr. Karsten Sontow ist seit Anfang 2001 Vorstand und seit 2017 Vorstandsvorsitzender der Trovarit AG. Er ist Autor zahlreicher Fachpublikationen, u.a. der Studienreihen “ERP in der Praxis” und “ECM im Mittelstand”. Seit Januar 2014 gehört er als stellvertretender Vorsitzender dem Arbeitskreis ERP des Bitkom an.

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